Das Wochenende


1

Die pinke Zuckerwatte ist in Mias Bauch zu einem angedauten, säuerlich riechenden Schleim geworden, der sich nur schwer aus dem groben Strick ihres Pullovers waschen lässt. Sie hatte die Zuckerwatte vor der Abfahrt heimlich aus der Schublade im Wohnzimmer genommen und die halbe Packung gegessen. Das gestand sie Hedwig zwischen zwei Brechschwällen. Im Halogenlicht einer Raststätten-Toilette irgendwo zwischen München und Innsbruck rubbelt Hedwig ihrer auf dem Rand des Waschbeckens sitzenden, fünfjährigen Tochter die letzten Reste Erbrochenes aus den Mundwinkeln. Die Zuckerwatte hatte Mia von Alexanders Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen. Als sie Mia zurück auf dem Parkplatz den Gurt umlegt, versucht Hedwig, ihrer Schwiegermutter nicht die Schuld an den Kotzflecken auf dem Rücksitz des Autos zu geben.


Noch eine Stunde, dann würden sie die Hauptstraße verlassen und sich einen schneebedeckten Berghang zum Hotel hinauf schlängeln. Alexander schnarcht im Beifahrersitz. Hedwig hasst es, wenn er bei langen Autofahrten einschläft und die ganze Verantwortung ihr überlässt. Seine Stirn, die gegen die Scheibe gedrückt bei jeder Bremsung hin- und herwischt, hinterlässt fettige Streifen auf dem Glas. Im Rückspiegel sieht Hedwig Noah, den Blick auf den Bildschirm seines Smartphones fixiert. Er trägt große schwarze Kopfhörer, die seine blonden Locken plattdrücken. Mia hatte vor zwei Wochen Noahs Smartphone in die Hände bekommen und mit einem Fingerwisch ein Pornovideo geöffnet, das ihr Bruder angeschaut haben musste, bevor er sich zur Familie an den Frühstückstisch gesetzt hat. Es folgten ein verfrühtes Aufklärungsgespräch mit Mia und ein unbefristetes Handyverbot für Noah. Heute Morgen hob Hedwig das Verbot auf. Noah hatte sich geweigert, ohne sein Smartphone ins Auto zu steigen.


2

Sie erreichen die Abfahrt und Hedwig fragt sich, wie Menschen hier ihr Leben verbringen können. Den letzten Ort mit Supermarkt und Restaurants haben sie vor gut 50 Kilometern hinter sich gelassen. Das Dorf am Fuß des Berges, durch das Hedwig jetzt das Auto die immer steiler ansteigende Straße Richtung Hotel steuert, ist nichts weiter als eine Ansammlung von Bauernhöfen, Scheunen und eingeschneiten Kruzifixen. Nirgendwo sind Leute zu sehen. Vielleicht ist das kein Dorf, sondern nur eine lieblos zusammengezimmerte Kulisse, die den ankommenden Hotelgästen das Gefühl geben soll: Sie haben die Zivilisation verlassen, ab jetzt können Sie sich entspannen.


Als sie den Parkplatz des Hotels erreichen, nach einer zehnminütigen Serpentinenfahrt, während der Hedwig jeden Moment damit rechnet, Mia würgen zu hören, kommt ein Junge mit Pickelkruste auf der Stirn, wohl kaum älter als sechzehn, in Lederhose, breit lächelnd und mit ausgestreckten Armen auf das Auto zugelaufen. Hedwig sieht, wie er seine Lippen bewegt, aber kann ihn nicht hören. Sie lässt das Fenster runter. „Wie bitte?“, fragt sie. „Griaß eich in unserem Paradies!“, sagt er. Ein hölzernes Namensschild ist in den karierten Hemdstoff auf seiner Brust gesteckt. Ein Name ist darauf eingebrannt: Heribert. Heribert beugt sich nach unten und steckt den Kopf durchs Fenster, halb ins Auto, grinst erst die Kinder und dann Alexander an, der gerade aufwacht. „Hat der Herr die Dame den verzwickten Berg heraufkraxeln lassen?“, fragt er und lacht sehr laut. „Er hat keinen Führerschein“, sagt Hedwig. Sie schnallt sich ab, Heribert tritt von der Autotür weg. Sie fasst den Türgriff, zieht, schwingt ihren Körper nach links und stößt sich die Schulter. Die Autotür klemmt.


3

„Hedwig, hast du meine Flip-Flops nicht eingepackt?“, ruft Alexander aus dem Badezimmer. „Was?“, ruft sie zurück. Sie hatte ihn verstanden. Manchmal hat sie nur keine Lust, auf seine Fragen zu antworten. Vor allem dann nicht, wenn die Antwort offensichtlich ist. Alexander hat die, wie Hedwig findet, völlig überflüssige Angewohnheit, vor jeder Reise verschiedene Packverantwortlichkeiten zwischen ihm und ihr aufzuteilen. Für den kurzen Skitrip hatte er sich selbst Ski-Ausrüstung und Verpflegung für die Autofahrt zugeteilt und ihr alles, was die Kinder brauchen könnten und die Badesachen für die ganze Familie. Alexanders Flip-Flops hatte Hedwig im Sommerschuhregal auf dem Dachboden vergessen.

Hedwig ist angespannt von der Autofahrt. Ihre Hände riechen immer noch nach Erbrochenem. Aus dem Nachbarzimmer hört sie Mia kreischen und Noah schreien. Sie spürt, wie sich bei der Aussicht auf einen Streit mit Alexander über die vergessenen Flip-Flops ihr Herzschlag beschleunigt und ihre Hände feucht werden. Sie ist in der richtigen Stimmung für einen Austausch sinnloser Vorwürfe. Doch Alexander steckt den Kopf aus dem Badezimmer und sagt: „Kein Problem, ich habe unten im Hotelshop Badelatschen gesehen und kaufe mir dann noch welche.“ Er lächelt. Wahrscheinlich will er zumindest am ersten Abend der Harmonie noch eine Chance geben. Oder er möchte nicht weiter nachbohren, weil sie diejenige ist, die das Wochenende im 5-Sterne-Spa-Hotel bezahlt. Alexander kann sich gerade nichts leisten.


Als sie sich vor 14 Jahren kennenlernten war er, 20 Jahre alt, einer der fünf jungen Schriftsteller des Jahres gewesen. Sie, 31 Jahre alt, hatte sich gerade mit ihrem Literaturmagazin selbstständig gemacht und zum ersten Mal eben jene Liste erstellt, die inzwischen mit darüber entschied, welche Autorinnen und Autoren in Deutschland als neue literarische Wunderkinder gefeiert werden. Alexander hatte sich diesen Status mit einem Roman über den slowakischen Nationalaufstand von 1944 erschrieben. Es folgten zwei weitere Romane über in Vergessenheit geratene Revolutionen in Osteuropa und eine Kurzgeschichtensammlung. Nichts davon verkaufte sich gut. Sie trafen sich zum ersten Mal beim Fotoshooting für die Nachwuchsautoren-Titelstory in ihrer Redaktion. Alexander war sehr jung und sehr attraktiv, Hedwig hatte sich gerade scheiden lassen. Ein paar Monate später war sie schwanger.


4

Am Abend sitzt Hedwig mit Alexander im Whirlpool. Der Wind weht eisig. Die letzten Sonnenstrahlen sind gerade hinter dem auf der anderen Talseite emporragenden Bergmassiv verschwunden. Das warme, blubbernde Wasser macht Hedwig müde. Noah und Mia sind in ihrem Zimmer und schlafen. Neben Hedwig wabert Alexanders Brust- und Rückenbehaarung um seinen Körper, wie sehr dünne, schwarze Meerestierchen. In der fahlen Unterwasserbeleuchtung des Beckens wirkt seine Haut noch blasser als sonst. Er sieht aus wie ein totes Korallenriff. „Wollen wir ins Zimmer gehen?“, fragt er. Hedwig nickt. „Ich komme gleich nach“, sagt sie. Alexander strauchelt durch das Wasser etwas ungelenk Richtung Treppe und zieht sich am vereisten Geländer aus dem Becken. Seine Haare hängen jetzt nass an ihm herunter. Wassertropfen haben sich in den Locken über seinem Steißbein verfangen und reflektieren das Licht des Pools.


5

Hedwig öffnet die Zimmertür und weiß, dass nun die Zeit für Sex gekommen ist. Alexander liegt nackt auf dem Bett und liest eine Biografie über den Anführer des Posener Arbeiteraufstands von 1956. Als Hedwig ihren Bademantel auszieht und an den Haken der Garderobe hängt, legt Alexander das Buch weg. „Komm mal her“, sagt er. Hedwig dreht sich zu ihm. Alexanders Körper ist unter der etwas grellen Leselampe voll ausgeleuchtet. Er macht schon länger keinen Sport mehr, Low Carb- und Paleodiät haben ihre Versprechen nicht gehalten. Die Niedergeschlagenheit, die Alexander wegen ausbleibender schriftstellerischer Erfolge empfindet, hat sein Körper in einen traurigen Männerbusenansatz und hängendes Bauchfett übersetzt.


Hedwig setzt sich neben Alexander aufs Bett. Er nimmt ihre Hand und legt sie auf seine noch feuchte, haarige Brust. Hedwig muss kurz den Impuls unterdrücken, ihre Hand wegzuziehen. Alexander scheint das zu bemerken. „Findest du mich nicht mehr attraktiv?“, fragt er sie. „Ach Quatsch“, sagt Hedwig und küsst ihn, bevor er zu einer weiteren Frage ansetzen kann. Sie legt sich auf ihn, er rutscht etwas nach unten, leckt an ihren Brüsten. Hedwig ist nicht erregt. Alexanders Handgelenk zwischen ihren Beinen drückt ihr schmerzhaft auf den Hüftknochen. Wie so oft in letzter Zeit, kommt es Hedwig vor, als würden Alexander und sie sich zum ersten Mal anfassen. Nur ist die Unbeholfenheit, mit der sie beide den Körper des anderen abtasten, nicht die aufregende, kurzatmige von Frischverliebten, sondern eine mechanisch unsichere, die sich fragt, wie es so weit hatte kommen können. Alexander scheint ähnliche Gedanken zu haben. Er ist nicht hart.


6

Um dem Hotelzimmer zu entfliehen, das Zeuge einer ihrer missglückten Sexversuche geworden war, beschließen Hedwig und Alexander, in die Après Ski-Bar ein paar Kurven oberhalb des Hotels zu fahren. Als sie durch die Hotellobby zum Parkplatz laufen, ruft ihnen Heribert hinterher, der an der Rezeption sitzt: „Führt der Herr die Dame noch auf einen Betthupferl-Drink aus?“ Er zwinkert Hedwig breit grinsend zu. Zwischen seinen beiden etwas zu groß geratenen Vorderzähnen klemmt etwas Grünes, aus der Ferne nicht Definierbares. „Nein, ich muss ja fahren“, antwortet Hedwig. Heribert grinst weiter und nickt. Seine Ausbildung hat ihn auf eine solche Situation nicht vorbereitet.


In die Bar zu fahren, war keine gute Idee. In der zweigeschossigen Holzhütte, die mehr Großraumdisko als urige Kneipe ist, röhrt ein Mann in österreichischem Dialekt ein Lied über junge Frauen aus den Lautsprechern, die nach einem Maß Bier besonders anschmiegsam werden. Im Untergeschoss neben dem DJ-Pult kämpfen Frauen und Männer mittleren Alters in unterschiedlichen Stadien der Trunkenheit wie Fohlen auf wackeligen Beinen gegen die Schwerkraft. Hedwig und Alexander sitzen im Obergeschoss an einem Tisch, über dem der große, wütend aussehende Kopf eines Wildschweins hängt. Jemand hat dem Tier einen goldenen Partyhut auf die borstige Stirn gesetzt. Hedwig nippt an einem Kräutertee, Alexander trinkt Grog. Beide warten darauf, dass jemand spricht.


Im Auto auf dem Weg zurück zum Hotel sieht Hedwig aus den Augenwinkeln, dass Alexander weint. Sie weiß nicht, was sie sagen soll. Alexander ist immer für die Kommunikation zwischen ihnen beiden zuständig gewesen. Es ist immer er gewesen, der wie ein fleischgewordener Beziehungsratgeber jeden Konflikt ansprach. Doch mit fortschreitender Zeit und Ale­xanders sich immer bemerkbarer machenden Depression, die beide in den seltenen Gesprächen über seine kreative Krise umschifften, war sein unbedingter Wille, jegliche Spannung zwischen ihnen zu lösen, einer passiven Gleichgültigkeit gewichen. Als Hedwig zurück vor dem Hotel das Auto in eine Parklücke steuert, steigt Alexander aus, bevor sie den Motor ausgestellt hat. Hedwig schnallt sich ab und rammt sich beim Versuch, die klemmende Autotür zu öffnen, einen zweiten blauen Fleck in die Schulter.


7

Als Hedwig, Alexander und Noah am Samstag auf der sonnigen Terrasse einer Skihütte heiße Schokolade trinken, ruft die 19-jährige Erzieherin aus dem Kinderclub des Hotels an. Mia hat Durchfall. Sie sei während des Mittagessens aufgestanden, habe sich Strumpfhose und Unterwäsche runtergezogen und auf den lila Plüschteppich gekackt. Jetzt weine sie, klage über Bauchschmerzen, Hedwig müsse sie abholen. Eine frisch ausgelernte Erzieherin müsste eigentlich mit einem kackenden Kind fertig werden, denkt Hedwig. Aber vielleicht werden Kinder in österreichischen Dörfern bei der ganzen guten Bergluft und den kräftigen Rindersuppen nicht krank.


Jetzt sitzt Hedwig mit Alexander und Noah über ihr Dessert gebeugt beim Abendessen im Hotel-Restaurant. Auf dem fünfeckigen Teller vor ihr liegt eine Marillen-Schnitte mit Vanilleeis und Nougatschaum. Mia liegt mit einer quietschbunten Feenprinzessinnen-Serie auf dem iPad und Kamillentee in der Nuckelflasche im Bett. Alexander löffelt schweigend in einer Schüssel Schokomousse. Noah stochert mit einer Hand in einem Stück Papageienkuchen vom Kinderbüffet, in der anderen hält er sein Smartphone halb unter dem Tisch und tippt darauf herum. „Leg bitte dein Handy weg, Noah“, sagt Hedwig. Er ignoriert sie.


Beim Ausschenken des den Hauptgang begleitenden Weißweins war die Kellnerin gegen den Kerzenständer auf der Mitte des Tisches gestoßen. Hedwig kratzt das verspritzte Wachs vom weichen Damast des Tischtuchs und streut es über die Reste des Nougatschaums auf dem Teller vor sich. Ihr ist übel. Das Stück Dorade mit Zitronen-Dill-Sauce hatte sich etwas zu weich in ihrem Mund angefühlt, der Geschmack etwas zu fischig. Noah ignoriert Hedwigs zweite und dritte Bitte, sein Handy wegzulegen. Vor den anderen Hotelgästen will Hedwig nicht lautstark ihre Erziehungsunfähigkeit demonstrieren und lässt ihn in Ruhe. Verloren in Gedanken über ihren Sohn, der nicht einmal den Kopf hebt, wenn sie ihn anspricht, löffelt Hedwig den letzten Klecks Nougat von ihrem Teller und wundert sich über den unerwarteten Nachgeschmack. Sie hatte das Wachs mitgegessen.


8

Zum dritten Mal muss sich Hedwig aus der Liege im Relaxraum des Spas hieven. Die Polstermatte rutscht auf dem glatten Holz immer wieder nach unten. Sie findet einfach keine bequeme Position. Wellenrauschen und Möwenkreischen beschallen die sich Entspannenden aus hinter Trockengestecken aus Schilf und Weizen versteckten Boxen. Noah und Mia hat Hedwig im Bambini-Aqualand abgegeben. Die slowakische Blonde mit den tätowierten Augenbrauen würde sich noch eine Stunde um die Töchter und Söhne der Hotelgäste kümmern. Noah blickte Hedwig nur stumm und vorwurfsvoll an, als sie seine Zimmerkarte verlangt und ihn mit Mia nach unten geschickt hatte, mit der Begründung, er solle mehr Zeit mit seiner kleinen Schwester verbringen. Alexander sitzt irgendwo in einer der drei Bars des Hotels und trinkt Fichtenlikör oder Bonsaigin oder irgendeine andere überteuerte Spirituose, von der die Hotelleitung weiß, dass die Mercedes-Van fahrenden Großstädter sie ohne auf den Preis zu schauen trinken würden, weil es sie angeblich nur in diesem einen Tal hier im österreichischen Hinterland gibt. Jetzt, endlich, ist Hedwig allein, bis auf die halbnackten bis nackten Fremden, die hier wie sie im flackernden Schein des Kaminfeuers auf ihren Liegen herumrutschen, um ihre Körper in urlaubsgerechte Stellungen zu bringen.


Hedwig driftet in einen unruhigen Halbschlaf und fängt an zu träumen. Sie steht in einem leeren Raum mit schwarzen Wänden und schwarzem Boden. Eine einzelne Glühbirne an einem Kabel, das aus dem Nichts über ihr in den Raum hineinhängt, beleuchtet eine Kehrschaufel und einen Handfeger, die vor ihren Füßen liegen. Hedwig bemerkt, dass der Boden um sie herum mit etwas bedeckt ist, das wie weißes Pulver aussieht. Sie beugt sich nach unten, hebt Schaufel und Handfeger auf und fängt an, zu kehren. Doch so viel sie auch kehrt, das weiße Pulver wird nicht weniger. Sobald sie eine Fläche freigefegt hat, rieseln von irgendwoher neue weiße Schüppchen auf den schwarzen Boden. Hedwig sieht jetzt ihre Arme, die mit roten, wund geschürft aussehenden Stellen übersät sind. Sie scheinen immer größer zu werden. Sie lässt Schaufel und Besen fallen, fasst sich mit einer Hand ins Gesicht und hält sie sich vor die Augen. An ihren Fingerspitzen klebt Blut.


9

Am Sonntagmorgen fahren Hedwig und Alexander zu einem Kiosk im Tal, um Proviant für die Rückfahrt zu kaufen. Hedwig legt gerade Haferkekse und Geleebananen in den Wagen, als sie Alexander vom anderen Ende des Gangs mit einem Sechserpack Bier und zwei Flaschen Haselnussschnaps auf sich zukommen sieht. „Wir wollten Sachen für die Fahrt kaufen“, sagt Hedwig. „Das ist für nach der Fahrt“, sagt Alexander und stellt das Bier in den Wagen auf die Geleebananen. „Pass doch auf“, zischt Hedwig und zieht die zerdrückte Packung unter den Flaschen hervor. „Hast du mal bei uns zu Hause in den Keller geschaut?“, fragt Hedwig. „Wer soll das alles trinken?“ Eine ältere Dame in schlammbrauner Daunenjacke, die nur wenige Meter entfernt steht, in ihrer linken Hand ein mit eingeschweißter Wurst und Tütensuppen gefüllter Weidenkorb und in der rechten eine rote Leine, an deren Ende ein meerschweinchengroßer Hund befestigt ist, dreht ihren Kopf interessiert in Richtung Hedwigs lauter werdender Stimme. Als Hedwig zu ihr hinüberblickt, zuckt sie zusammen und lässt die Leine fallen. Sofort setzt sich der Hund tippelnd in Bewegung. „Rudi“, ruft die Frau und rennt ihm hinterher.


„Ich hätte dich letztes Jahr verlassen sollen“, sagt Alexander. Im Kofferraum klappern seine Bierflaschen bei jeder Unebenheit der Straße. Hedwig schließt für einen Moment die Augen und sucht nach einer möglichst gelassenen Erwiderung. Es gelingt ihr nicht. „Ja, genau, vielleicht hättest du dann ja mehr Energie fürs Schreiben gehabt, anstatt sie darauf zu verschwenden, sauer auf mich zu sein“, sagt sie. Alexander schaut sie von der Seite an, schüttelt den Kopf und lacht. „Was?“, fragt Hedwig. „Hättest du mich nicht so verletzt, wäre mein Kopf vielleicht frei gewesen fürs Schreiben“, antwortet Alexander leise, dreht sich von ihr weg und schaut aus dem Fenster. „Ach, ist es jetzt meine Schuld, dass dein Talent nach einem Buch schon aufgebraucht war?“ „Hedwig!“ Alexander schreit jetzt fast. „Wegen dir hat mein Schwanz monatelang gebrannt.“


Vor gut einem Jahr hatte Hedwig Sex mit einem jungen Dichter aus dem Allgäu, den sie für ein Interview für die Reihe „Provinzpoeten“ ihres Magazins getroffen hatte. Sie taten es im Pferdestall auf dem Hof seiner Eltern. Aus den nüchtern-professionellen E-Mails, die Hedwig und er sich für die Vorbereitung des Interviews hin- und hergeschickt hatten, wurde schnell offensives Flirten. Er schien darin geübt zu sein. Hedwig fing sich einen Tripper bei ihm ein. Alexander steckte sich bei ihr an. „Das kannst du mir nicht ewig vorhalten, Alexander“, sagt Hedwig. „Dass sich die große Frau Chefredakteurin von einem 19-jährigen untalentierten Bauern ficken lassen hat?“ fragt Alexander. Sie erreichen das Hotel. Hedwig fährt etwas zu schnell in eine freie Parklücke und stößt mit dem Auto gegen den massiven Holzzaun, der das Hotelgelände umgibt. „Ich fasse es nicht, dass du mir diese Scheiße bei jeder Gelegenheit vor den Kopf knallst“, sagt sie. Sie schnallt sich ab, zieht am Türgriff und wirft sich mit ihrem ganzen Körpergewicht gegen die klemmende Autotür. Doch diesmal gleitet sie ohne Probleme auf. Hedwig fällt aus dem Auto kopfüber in den Schneematsch. Hedwigs untere Körperhälfte hängt noch im Fahrerraum. Sie winkelt ihre Beine an, stützt sich mit ihren Händen im eisigen Brei ab, geht neben dem Auto in die Hocke und versucht, nicht laut loszuschreien. Alexander taucht neben ihr auf und streckt ihr seine Hand entgegen. „Hast du dir wehgetan?“, fragt er. „Lass mich“, sagt Hedwig. Sie steht auf, klopft sich den Schnee von ihrem Mantel und läuft vom Auto weg.


10

Nach ein paar Minuten bemerkt Hedwig, dass sie völlig ziellos geradeaus läuft und der Schnee immer tiefer wird. Sie steht auf einem Feld. Vor ihr sieht sie die kurvige Straße, die ins Tal führt. Hinter ihr sieht sie in der Ferne Alexander, der noch immer neben der offenen Autotür steht und sie beobachtet. Am Himmel über Hedwig fliegen zwei Krähen, die sich in der Luft attackieren, auseinanderfliegen, um dann wieder mit einem dumpfen Rascheln gegeneinanderzustoßen. Ein paar schwarze Federn schießen aus dem Vogelknäuel und landen auf dem zugeschneiten Feld. Hedwig ist plötzlich sehr übel. Der pinke Grapefruitsaft vom Frühstücksbuffet schießt in einem dampfenden Strahl aus ihrem Mund in den Schnee.


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