Feierabend


An einem dieser Feierabende, als ich mit einer Tiefkühlpizza unter dem Arm und nach meinem Schlüsselbund in meiner Manteltasche kramend in die Straße meiner WG biege, sehe ich Mathieu vor der Haustür stehen. Ich halte abrupt an, sämtliche Muskeln in meinem Körper verkrampfen, meine Augen suchen verzweifelt einen Fluchtweg. Die Pizza rutscht mir aus der Achselhöhle und fällt auf den vereisten Gehweg.


Ich überlege, sie zurückzulassen und mich in den Hauseingang neben mir zu drücken, bis Mathieu irgendwann verschwindet. Aber er hat mich schon gesehen. Er läuft mit langen, selbstbewussten Schritten auf mich zu, hebt die Pizza vor meinen Füßen auf und hält sie mir hin. Es dauert ein paar Sekunden, bis meine Schockstarre sich löst und meine Hand nach ihr greift.


„Danke“, sage ich.

„Tut mir leid, dass ich hier einfach so aufkreuze“, sagt Mathieu.

Unter einer dunkelgrünen Wollmütze quellen einige Strähnen dickes, rostrotes, gesund glänzendes Haar über seine Stirn. Mathieus Haut ist blass, faltenfrei, mit dezenten Sommersprossen um die von Mitessern freie Nase. Seine blauen Augen leuchten im Scheinwerferlicht eines vorbeifahrenden Busses. So gutaussehend hatte ich ihn nicht in Erinnerung.

„Ähm, was willst du hier?“

Mit meinen 1,70 Meter muss ich wie bei fast allen Gesprächen mit Männern den Kopf heben, um Mathieu ins Gesicht zu sehen. Mathieu ist an die 1,90 Meter groß, um die Erniedrigung perfekt zu machen.

„Konstantin weiß nicht, dass ich hier bin. Ich habe deine Adresse auf dem Umschlag gesehen, in dem er dir deine Austragung aus eurer gemeinsamen Hausratversicherung geschickt hat.“

Als ich nichts sage, schaut Mathieu mit gerunzelter Stirn auf seine Füße und stößt eine Wolke dampfenden Atems aus.

„Ich fühle mich wirklich schlecht mit der ganzen Sache gerade. Als das mit Konstantin und mir angefangen hat, wollte ich es immer wieder beenden, aber es ging einfach nicht und ich musste auch immer an dich denken und wie dich das verletzen wird und …“

„Ach danke. Schön, dass du an mich gedacht hast.“


Mathieu sieht überfordert aus. Das freut mich. Er steckt seine Hände in die Taschen seiner Oversize-Puffjacke. So eine wollte ich mir auch mal kaufen, aber sah damit im Spiegel der Umkleidekabine aus wie ein extrem adipöses Stehaufmännchen mit Stummelbeinen.

„Ich wollte mich einfach persönlich bei dir entschuldigen, Nico. Vielleicht war es doch keine gute Idee.“

„Ja, mit deinem schlechten Gewissen wirst du wohl leben müssen. Noch irgendwas?“


Bevor Mathieu antworten kann, ruft Kim hinter mir meinen Namen. Ich drehe mich um und sehe sie mit einer transparenten Plastiktüte voller Bücher, die bei jedem Schritt gegen ihre Beine schlägt, auf uns zu kommen.

„Hey Nico“, sagt sie, streckt ihren freien Arm aus und drückt mich kurz und fest an sich.

„Und wer bist du?“ Kim blickt neugierig lächelnd zu Mathieu auf.

„Mathieu“, sagt er. „Ich mach dann auch mal wieder los, glaube ich.“

Kims Lächeln verschwindet und ihre Augen treten für einen kurzen Moment aus ihren Höhlen. Sie dreht sich mit fragendem Blick zu mir und ich zucke nur erschöpft mit den Schultern.

„Wie krass übergriffig bist du bitte?“, fragt sie Mathieu, packt mich ohne eine Antwort abzuwarten an der Schulter und schiebt mich Richtung unseres Hauseingangs.

Bevor sie mich gegen die geschlossene Tür drücken kann, kommt zum Glück eine Nachbarin aus dem Haus, die sie uns aufhält. Als ich über die Schulter zurück durch das Glas der Tür blicke, ist Mathieu verschwunden.